WERKZEUGE DES WANDELS: SMARTPHONES IN ENTWICKLUNGSLÄNDERN

Das Leben vieler Menschen in Entwicklungsländern ändert sich dank Smartphones heute mit schwindelerregender Geschwindigkeit. Wo Europa die neuen Standards, die neue Welt, erst selbst erschaffen, Telefon und Internet erfinden, weiterentwickeln und etablieren musste, treten diese Länder innerhalb eines Jahrzehnts von einem Entwicklungsstand des 19. Jahrhunderts direkt ins 21. Jahrhundert. Ihre Einwohner müssen sich nicht mit Kabeltelefonen abgeben, sondern schaffen sich, sobald sie es sich leisten können, gleich günstige Smartphones mit Internetzugang an. Und welch eine Veränderung bewirkt solch ein kleines Gerät!

In seinem Beitrag „Mobile First – die erste Wahl“ hat Lars Reinartz aufgezeigt, dass sich die Nutzung von Websites zunehmend in den mobilen Bereich verlagert und Mobile First mittlerweile klar als Wettbewerbsvorteil im globalen Business zu sehen ist. Er ist dabei unter anderem auf die Emerging Markets eingegangen, in denen viele Menschen den Schritt zum Desktop-Rechner komplett überspringen und das Internet vollständig mobil erleben: „Für die dortigen Menschen ist das Smartphone ein Symbol des Wandels und die Möglichkeit, sich neues Wissen anzueignen.“

VERÄNDERUNGEN IN LAOS

Smartphones in Entwicklungsländern – vor einigen Monaten bin ich selbst Zeuge ihrer Macht als Werkzeug des Wandels geworden: nicht in einem aufstrebenden, zu den Emerging Markets gehörenden Land wie Indien oder China, sondern im bitterarmen, sich gleichwohl entwickelnden Laos.

Neung lebt im südlichen Laos in einem Dorf der Lao Loum zwischen Pakxe und der thailändischen Grenze. Der 18-Jährige erzählt mir, dass es im Dorf, das erst seit 2010 über Elektrizität verfügt, bis vor kurzem weder Fernseher noch Internet gab. Die Leute hatten eine Weltsicht, die sich – von seltenen Fahrten nach Pakxe abgesehen – auf ihr Dorf beschränkte. Dann kaufte ein einziger Jugendlicher ein gebrauchtes Smartphone. „Im Haus seiner Familie gab es noch keinen Strom“, sagt Neung in gebrochenem Englisch und schüttelt grinsend den Kopf, so als denke er an eine lange zurückliegende, heute kaum noch vorstellbare Vergangenheit zurück. „Aber er besorgte sich eine Autobatterie, die er von Zeit zu Zeit an den Generator einer anderen Familie anschloss, um damit sein Smartphone aufzuladen und im Netz surfen zu können.“ Durch diese kleine Tür stürzte auf einen Schlag die Globalisierung ins Dorf hinein: Nachrichten wurden gelesen und weitererzählt, E-Mails verschickt, Facebook-Freundschaften gepflegt. „Unsere Augen wurden geöffnet“, sagt Neung. Und erzählt von seiner Familie.

Mit einem Einkommen von etwa zwei US-Dollar am Tag gehört sie immerhin zur unteren laotischen Mittelschicht, im Dorf sogar zur Oberschicht. Mit dem Geld kaufen die Eltern Güter wie Kleidung und Kaffee – das Essen produzieren sie selbst. Die Familie besitzt vier Schweine, vier Rinder, einige Hühner, einen Fischteich und ein Reisfeld. Der Alltag besteht jenseits der Saat- und Erntezeit vor allem daraus, darauf zu warten, dass der Reis wächst. In den ruhigen Monaten schneidert die Mutter manchmal ein wenig, der Vater baut und verkauft Hühnerkäfige aus Bast und Bambus – ebenfalls nur manchmal, nur, wenn er Lust hat. Die von der Regierung vorangetriebene ökonomische Rationalisierung hat sich hier noch nicht durchgesetzt. Bei Verwandten im Norden schon. Die haben früher – wie meine Gastgeber – 150 Tage im Jahr Reis gesät und geerntet und es sonst ruhig angehen lassen. Nun beginnen sie fünf Uhr morgens damit, Kautschukbäume anzuzapfen.

Während ich mit Neung spreche, plärrt im Hintergrund ein kleiner Fernseher, jenes Gerät, das für die meisten Familien noch vor dem Internet der erste Schritt in Richtung eines erweiterten Gesichtskreises war. Für gewöhnlich rückte zunächst Thailand mit seiner verwandten Sprache ins Bild. Die Menschen entdeckten, dass ganz in der Nähe eine andere Gesellschaft und Lebensart existierte. Kinder erfuhren durch Cartoons, dass es auch Wirklichkeiten ohne Reisfelder gab.

Heute hat der Vater keine Lust, seine Hühnerkäfige zu bauen. Er liegt im Schatten unter dem Boden des hölzernen Pfahlhauses, wo sich nach dem morgendlichen Besuch der Pagode und dem Füttern der Tiere das Leben abspielt. Leben heißt: sitzen und warten und erzählen und kochen. Ständig kommen Besucher vorbei, Freunde und die weitere Familie aus dem Dorf. Gerade unterhält sich der Vater mit dem Mann der ältesten Tochter, der mit ihr noch immer hier lebt, bis die beiden einen eigenen Haushalt gründen können. Auf die Frage, was er heute noch vorhat, zuckt der Vater mit den Schultern. Es ist keine Bewegung, die von lethargischer Langeweile kündet, sondern, so scheint es, von einem entspannten Lebensstil ohne großen materiellen Ehrgeiz und hastigem Streben nach Aufstieg.

Derweil träumt Neung von Musikboxen und Motorrädern. Sein Blick auf die Welt hat neue Wünsche geweckt und sorgt dafür, dass Neung enthusiastisch in die Konsum- und Geldwirtschaft nach westlichem Vorbild eintritt. Smartphones verändern seine Familie, sein Dorf – sein Land. Während manche das Verschwinden traditioneller Lebensentwürfe beklagen, begrüßen andere die positiven Auswirkungen auf Wirtschaft, Gesundheitswesen und Bildung.

SMARTPHONES IN ENTWICKLUNGSLÄNDERN – DAS POTENZIAL WIRD ERKANNT

So ist es in vielen Entwicklungsländern, etwa in Kenia. Der größte Mobilfunknetzanbieter des Landes, Safaricom, bietet M-Pesa an, einen mobilen Service zum Senden und Aufbewahren von Geld. Dessen Nutzer berichten, dass sie ihr Einkommen um 30% erhöhen konnten, indem sie mobile Bezahl-Technologien verwendeten. In Tansania werden Patienten in abgelegenen ländlichen Gemeinden über Smartphone-Apps von Ärzten in der größten Stadt des Landes, Daressalam, behandelt. Schon wird darüber diskutiert, wie die Daten von Smartphone-Nutzern helfen können, den Ausbruch einer Grippewelle frühzeitig zu erkennen und wie aggregierte Social-Media-Daten frühzeitige Warnungen vor Naturkatastrophen in abgelegenen Gebieten ermöglichen können. In vielen Ländern bilden sich Millionen von Menschen über Smartphone-basierte Internetplattformen weiter. Deloitte hat schon 2012 eine Verbindung zwischen Smartphone-Verbreitung und Wirtschaftswachstum festgestellt.

Aus solchen Gründen erkennen immer mehr Regierungen der Entwicklungsländer den Wert von mobilem Internet. Ghanas Regierung hat 2014 alle Importzölle auf Smartphones aufgehoben und ihren Preis damit um ein Drittel gesenkt. Und die Vereinten Nationen streben in ihren Nachhaltigkeitszielen universellen und erschwinglichen Internetzugang in Entwicklungsländern an.

ENTWICKLUNGSLÄNDER ALS NEUE ZIELMÄRKTE

Angesichts dieser hohen Priorisierung von Smartphones für arme, aber sich dynamisch entwickelnde Länder, überrascht es nicht, dass sowohl die einflussreichsten Mobilfunkbetreiber als auch Anbieter von Apps und Plattformen Entwicklungsländer als neue potenzielle Zielmärkte identifiziert haben. Für Facebook stellen der New York Times zufolge die armen Länder Asiens, Afrikas und Latein-Amerikas die größte Chance dar, neue Kunden zu erreichen. Voraussetzung dafür ist, den Menschen dort zu ermöglichen, für geringe Kosten online zu gehen. Um dieses Ziel zu realisieren, begründete Facebook die Initiative Internet.org, einen Zusammenschluss aus Technologie-Unternehmen, die sich gemeinsam darum bemühen, möglichst vielen Menschen auf der Welt bezahlbaren Internetzugang für ihr Smartphone zu verschaffen. Andere Unternehmen – wie Mozilla – bieten Smartphones in Entwicklungsländern für unter 25 Dollar an, um sich rechtzeitig Anteile an diesen vielversprechenden Zukunftsmärkten zu sichern.

Für Services, die für diese Märkte konzipiert werden, ist Mobile First eine Selbstverständlichkeit. In dieser Hinsicht sind diese Länder westlichen Industrienationen sogar ein Stück weit voraus.

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